Jakob Hahn und Nicole Müller

Die hedonistische Tretmühle

Zwei Happiness Trainer im Gespräch über Glück und Hedonismus.


Jakob: Liebe Nicole, schön, dass wir uns treffen hier im Café Glücklich in Frankfurt. Und schön, dich nach über einem halben Jahr mal wieder zu sehen. Ich bin schon ganz gespannt. Die Website des Cafés verspricht viele Leckereien, an denen man sich glücklich essen kann. Als großer Gourmet liebe ich Süßspeisen, Schokolade und Kaffee in allen Variationen. 

 

Nicole: Ich freue mich auch sehr, dich wieder zu sehen, Jakob. Ja, die kleinen Freuden des Lebens machen uns auch glücklich und deshalb genießen wir jetzt unseren Kaffeeklatsch doch ganz im Sinne des Hedonismus.

 

Jakob: Prima. Dann bestelle ich erstmal Nutella-Pfannkuchen und Kaffee. Was steckt denn eigentlich hinter dem Hedonismus? 

 

Nicole: Der Hedonismus war in der Antike eines der Rezepte, um glücklich zu werden. Es geht um möglichst viel Genuss und darum, Schmerzen zu vermeiden. 

 

Jakob: Dann liege ich ja zum Thema Genuss mit meinem Nutella-Pfannkuchen genau richtig. Mmh...lecker, mein Magen knurrt schon.

 

Nicole: Ja, Jakob, meiner auch! Stell dir mal vor, du müsstest jetzt fünf dieser Pfannkuchen hintereinander essen, fändest du sie dann immer noch lecker?

Jakob: Gute Frage, vermutlich ist mir dann schlecht und ich bekomme Bauchschmerzen. Das möchte ich vermeiden und dann bin ich auch nicht mehr so glücklich wie nach dem ersten Pfannkuchen.

 

Nicole: Genau, wir gewöhnen uns an gute Zustände. Bisher war ich beispielsweise mit meinem kleinen Fernseher immer glücklich und zufrieden. Bis ich bei meinen Nachbarn einen Fernseher mit einem viel größeren Bildschirm gesehen habe. Da wollte ich dann auch einen größeren Fernseher. Also kaufte ich mir einen und war glücklich über das größere Bild. Vier Monate später war ich zum Abendessen bei einer Freundin eingeladen und habe dort einen noch größeren Fernseher gesehen mit einer wahnsinnigen Auflösung und Dolby Surround, ganz schön beeindruckend. Zuhause stand ich vor meinem Fernseher und wollte plötzlich den von meiner Freundin, denn an meinen hatte ich mich längst gewöhnt, also bin ich los...

 

Jakob: Das kannst du doch nicht im Ernst immer so weiter machen. Immer mehr wollen. Und irgendwann kaufst du dir dann ein Kino oder was? So mit Leinwand. Das klingt nach einer Endlosschleife, also einer hedonistischen Tretmühle. Kannst du nicht vielleicht zufrieden sein, mit dem was du jetzt hast? Denk mal drüber nach!



Die hedonistische Tretmühle

Nicole: Ja, mach ich! Neben der Gefahr der Tretmühle gibt es auch noch eine andere Schwachstelle beim Hedonismus. Man soll ja möglichst Schmerzen vermeiden. 

Wie ist das eigentlich bei dir, Jakob? Du gehst ja laufen. Kannst du dabei immer Schmerzen vermeiden, um deinen Körper fit zu halten?

 

Jakob: Mh…mal überlegen. Wenn ich laufen gehe, kostet es mich oft erst mal Überwindung. Ich muss mich von der Couch aufraffen und die Laufschuhe schnüren, statt den Feierabend gemütlich vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips zu verbringen. Also Verzicht auf Konsum, um mich fit zu halten. Beim Laufen selbst merke ich insbesondere bei längeren Distanzen – ich trainiere gerade auf einen Halbmarathon – dass ich immer wieder an meine Grenzen komme. Die Beine schmerzen, die Puste geht aus und ich kämpfe gegen meinen inneren Impuls an, der mir nämlich sagt: Jetzt ist es genug. Aber ich habe das Ziel, den Halbmarathon zu schaffen und daher weiß ich auch, dass ich diese Schmerzen in Kauf nehmen muss. Da muss ich einfach durch, denn die letzten Kilometer, insbesondere beim Halbmarathon, sind Kopfsache. Ich sage mir immer wieder: Ich tue meinem Körper etwas Gutes, ich fühle mich vital und glücklich und die Endorphin-Dusche beim Zieleinlauf ist der Wahnsinn. Das kann ich dir sagen. 

 

Nicole: Toll, ich bewundere dich, dass du so fleißig und willensstark bist und über deine Schmerzgrenze immer wieder hinaus gehst. Du willst also den Schmerz nicht wirklich vermeiden, sondern dadurch fitter werden. Aber jetzt lass uns doch noch einen Pfannkuchen zum Kaffee bestellen, die machen uns heute ja glücklich. Nur noch einen, danach ist aber auch Schluss...

 

Jakob: Au, ja. Noch zwei Pfannkuchen bitte, mit ganz viel Nutella …

Ein Beitrag von Jakob Hahn und Nicole Müller / September 2020

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