Glück und Wirtschaft

Wie geht das zusammen?

Wachsen, wachsen wachsen. Höher, schneller, weiter.

Für unser individuelles Glück ist diese reine Wachstumsorientierung längst überholt. Das belegen die Trends zu Achtsamkeit, Entschleunigung und Meditation, die allesamt eher das Langsame, Stetige betonen.

Doch wie steht es um unser Wirtschaftssystem, unsere Art des Wirtschaftens? Ist der reine Wachstumsfokus noch angemessen? Welchen Einfluss kann gutes Wirtschaften auf unser (individuelles) Glück haben? Glück und Wirtschaft  - wie geht das zusammen?

Vom reinen Wachstum zum guten Wachstum
Unser Wirtschaftssystem, unsere Unternehmen, sind auf Wachstum ausgerichtet. Profite, Renditen stehen im Fokus. Börsenkurse sollen nicht stagnieren, sondern steigen. Es gilt, neue Produkte zu entwickeln, die meist nach kurzer Zeit schon wieder von abermals neuen Produktentwicklungen überholt werden – oder sogar bewusst nur auf eine begrenzte Wachstumsdauer angelegt sind. Bei Mobiltelefonen findet sich dieses Phänomen der „geplanten Obsoleszenz“ beispielsweise sehr häufig.

Doch das Wachstumssystem hat einige Haken. Ein großer davon ist, dass uns auf dieser Erde nur begrenzt natürliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Wir wirtschaften aber über unsere Ressourcen und Verhältnisse hinaus und schaden damit massiv der Umwelt. 2020 fiel der sogenannte Earth Overshoot Day – der Tag an dem wir unsere für dieses Jahr zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits komplett verbraucht haben – bereits auf den 22. August. In diesem Jahr zeigte uns der 29. Juli, dass wir ab diesem Tag für den Rest des Jahres über unsere Verhältnisse leben würden. Das ist mehr als alarmierend.

Es geht kein Weg daran vorbei: Um in der Zukunft gut leben zu können, müssen wir Wirtschaft neu denken und Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte verstärkt mit einbeziehen. Hin zu einem guten, grünen Wachstum, das die Natur nicht überstrapaziert. 

Wie gutes Wirtschaften und Glück zusammenhängen

Schon ein Blick in die Natur zeigt uns, dass extremes, schnelles Wachstum nicht natürlich ist. Alles braucht seine Zeit: von der Saat bis zur Ernte, von der Knospe bis zur Blüte. Ein Baum beispielsweise wächst nicht innerhalb von Tagen. Nein, er lässt sich Zeit. Wächst langsam und stetig. 

Dieses Denken und natürliche Muster zunehmend in unser Wirtschaften einzubeziehen, kann uns mehr Glück bringen, davon bin ich überzeugt. Weg von der permanenten Wachstums- und Gewinnorientierung hin zu einem nachhaltigen, langsamen Wachstum. Produkte recyclen, eine Kreislaufwirtschaft entwickeln, statt ständig neu und übermäßig viel zu produzieren.

Durch diese und andere nachhaltige Maßnahmen können wir wieder mehr Sinn in unserem Wirtschaften erleben und finden (auf die Umwelt achtgeben) und uns mit der Natur wieder verbundener fühlen (weil wir sie nicht mehr so stark ausbeuten und wieder mehr zu schätzen lernen). Sinn und Verbundenheit sind zwei elementare Faktoren, die unser Glück fördern.

Ein Blick nach Fernost – die buddhistische Wirtschaftslehre 

Das ferne Bhutan zeigt uns einen spannenden Ansatz, wie wir Glück und Wirtschaften verbinden können. Dort wird die buddhistische Wirtschaftslehre angewendet. Demnach erfüllt Arbeit mindestens drei Aufgaben: (1) Sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. (2) Sie hilft ihm, aus seiner Ich-Bezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet. (3) Sie erzeugt die Güter und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Dasein erforderlich sind. Menschen und schöpferisches Tun sind dabei wichtiger als Güter und Konsum. 

Außerdem erhebt Bhutan – als einzigem Land weltweit – das Bruttonationalglück. Ein Versuch, den Lebensstandard und Wohlstand einer Nation breit gestreuter, humanistisch und psychologisch zu definieren statt über die reine Menge an produzierten Gütern (wie beim klassischen Bruttonationaleinkommen). Das Konzept des Bruttonationalglücks basiert auf vier Grundlagen: (1) Eine gute Regierungsführung, (2) Nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft, (3) Bewahrung kultureller Werte und (4) Schutz der Umwelt. Mit einem Fragebogen werden die Antworten der Einwohner erhoben. Nach Auswertung der Ergebnisse wird ein entsprechender Index gebildet. Dieser stellt dann das Bruttonationalglück für Bhutan dar. 

Was können wir für die Zukunft lernen?
Nun sind weder die Einführung des Bruttonationalglücks noch die komplette Umgestaltung unseres Wirtschaftssystems die Patentlösung. Dennoch: Was können wir aus diesen Modellen und Ideen lernen? Welche Impulse können wir daraus für uns mitnehmen? Wie können wir Glück und Wirtschaft zusammenbringen? 

Damit wir aus vollem Herzen sagen können: Glück und Wirtschaft, das geht für uns gut zusammen. 

 

Ein Artikel von Jakob Hahn / September 2021